Darf ein Arzt einem schwer kranken Menschen beim Sterben helfen? Ist es erlaubt, lebenserhaltende Maßnahmen abzubrechen? Und dürfen Angehörige oder Sterbehilfeorganisationen einen Menschen bei der Selbsttötung unterstützen? Die Sterbehilfe gehört zu den rechtlich und ethisch schwierigsten Fragen unserer Gesellschaft. Dabei bestehen erhebliche Unterschiede zwischen dem, was umgangssprachlich als aktive, passive oder indirekte Sterbehilfe bezeichnet wird.
Seit dem grundlegenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 26. Februar 2020 hat sich die Rechtslage in Deutschland insbesondere hinsichtlich der Hilfe zur Selbsttötung verändert. Während die gezielte Tötung eines Menschen auf dessen Verlangen weiterhin strafbar ist, kann die Unterstützung bei einem freiverantwortlichen Suizid rechtlich zulässig sein. Auch der Abbruch lebensverlängernder Behandlungen ist unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt.
Der folgende Beitrag erläutert die Rechtslage im November 2026, die Grenzen zwischen erlaubter Sterbebegleitung und strafbarer Tötung sowie die Bedeutung von Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht.
Das Recht auf selbstbestimmtes Sterben – was sagt das Grundgesetz?
Das deutsche Recht schützt nicht nur das menschliche Leben, sondern auch die persönliche Selbstbestimmung. Nach Art. 2 Abs. 1 GG in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG umfasst das allgemeine Persönlichkeitsrecht auch das Recht auf selbstbestimmtes Sterben.
Dies hat das Bundesverfassungsgericht mit seinem wegweisenden Urteil vom 26. Februar 2020 – 2 BvR 2347/15 u. a. ausdrücklich festgestellt.
Nach Auffassung der Verfassungsrichter gehört zur persönlichen Freiheit grundsätzlich auch die Entscheidung, das eigene Leben zu beenden. Dieses Recht umfasst zugleich die Freiheit, hierfür die freiwillige Unterstützung anderer Menschen in Anspruch zu nehmen.
Besonders bedeutsam ist dabei, dass dieses Grundrecht nicht auf schwer kranke oder sterbende Menschen beschränkt ist. Der Staat darf die Entscheidung über das eigene Lebensende nicht von einer Bewertung abhängig machen, ob die persönlichen Beweggründe nach allgemeinen gesellschaftlichen Maßstäben vernünftig oder nachvollziehbar erscheinen.
Allerdings folgt daraus weder ein uneingeschränktes Recht auf jede gewünschte Form der Sterbehilfe noch ein Anspruch darauf, dass ein Arzt oder ein anderer Mensch bei der Selbsttötung mitwirkt. Der Gesetzgeber darf Schutzvorschriften erlassen, um sicherzustellen, dass entsprechende Entscheidungen tatsächlich freiwillig und selbstbestimmt getroffen werden.
Aktive Sterbehilfe: Die Tötung auf Verlangen bleibt strafbar
Unter aktiver Sterbehilfe versteht man im üblichen Sprachgebrauch die gezielte Tötung eines Menschen durch eine andere Person, um dessen Leben auf dessen Wunsch zu beenden.
Ein Beispiel wäre ein Arzt, der einem Patienten auf dessen ausdrücklichen Wunsch ein Mittel verabreicht, um dessen Tod unmittelbar herbeizuführen.
Eine solche Handlung ist in Deutschland grundsätzlich strafbar. Nach § 216 StGB wird die Tötung auf ausdrückliches und ernstliches Verlangen mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bestraft. Bereits der Versuch ist strafbar.
Entscheidend ist, dass auch ein eindeutiger, wiederholt geäußerter und ernsthafter Sterbewunsch die gezielte Tötung durch einen Dritten nicht rechtfertigt.
Das gilt unabhängig davon, ob der Betroffene unheilbar krank ist, unerträgliche Schmerzen leidet oder seine Entscheidung vollständig überblicken kann.
Fehlt es an einem ausdrücklichen und ernstlichen Tötungsverlangen, können sogar die strengeren Vorschriften über den Totschlag nach § 212 StGB oder gegebenenfalls andere Tötungsdelikte einschlägig sein.
Wichtig: Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2020 hat das Verbot der Tötung auf Verlangen nicht aufgehoben. Aktive Sterbehilfe im Sinne einer gezielten Fremdtötung bleibt in Deutschland verboten.
Passive Sterbehilfe: Wann dürfen lebenserhaltende Maßnahmen beendet werden?
Anders ist die Rechtslage beim Verzicht auf eine medizinische Behandlung oder beim Abbruch bereits begonnener lebenserhaltender Maßnahmen.
Hier spricht man häufig von passiver Sterbehilfe. Juristisch präziser ist die Bezeichnung Behandlungsverzicht oder Behandlungsabbruch.
Hierunter fallen beispielsweise der Verzicht auf eine künstliche Beatmung, die Beendigung einer künstlichen Ernährung oder das Unterlassen weiterer medizinischer Eingriffe.
Ein solcher Behandlungsabbruch ist rechtlich zulässig, wenn er dem maßgeblichen Patientenwillen entspricht. Denn nach § 630d BGB setzt eine medizinische Behandlung grundsätzlich die Einwilligung des Patienten voraus. Diese kann jederzeit widerrufen werden.
Niemand muss sich gegen seinen wirksam erklärten Willen medizinisch behandeln lassen, nur weil die Behandlung sein Leben verlängern könnte.
Auch das aktive Abschalten medizinischer Geräte kann erlaubt sein
Ein verbreiteter Irrtum besteht darin, dass Ärzte zwar eine Behandlung unterlassen, aber niemals aktiv beenden dürften.
Der Bundesgerichtshof hat bereits mit Urteil vom 25. Juni 2010 – 2 StR 454/09 klargestellt, dass ein rechtmäßiger Behandlungsabbruch sowohl durch Unterlassen als auch durch aktives Handeln erfolgen kann.
Entscheidend ist nicht allein die äußere Handlung, sondern ob diese im unmittelbaren Zusammenhang mit der Beendigung einer medizinischen Behandlung steht und dem Patientenwillen entspricht.
Die Beendigung einer nicht mehr gewünschten Beatmung kann deshalb rechtlich zulässig sein, obwohl dazu ein Beatmungsgerät aktiv abgeschaltet werden muss.
Die Grenze: Eine gezielte Tötungshandlung, die keinen solchen Zusammenhang mit einem rechtmäßigen Behandlungsabbruch aufweist, wird dadurch nicht erlaubt.
Indirekte Sterbehilfe: Schmerzlinderung auch bei möglicher Lebensverkürzung
Eine weitere Form der Sterbebegleitung ist die sogenannte indirekte Sterbehilfe. Gemeint sind medizinisch indizierte Maßnahmen zur Linderung schwerer Beschwerden, bei denen eine unbeabsichtigte Verkürzung der verbleibenden Lebenszeit als mögliche Nebenfolge in Kauf genommen wird.
Dies kann insbesondere bei der palliativmedizinischen Behandlung schwer kranker Menschen relevant werden.
Im Vordergrund steht hierbei nicht die Herbeiführung des Todes, sondern die Behandlung von Schmerzen, Atemnot, Angst oder anderen belastenden Symptomen.
Eine solche Behandlung ist grundsätzlich zulässig, wenn sie medizinisch indiziert ist, den fachlichen Anforderungen entspricht und vom wirksam erklärten oder rechtlich maßgeblichen Patientenwillen getragen wird.
Die mögliche Lebensverkürzung darf dabei nicht mit einer gezielt zur Tötung vorgenommenen Maßnahme verwechselt werden. Auch eine palliative Sedierung ist nicht schon deshalb aktive Sterbehilfe, weil sie das Bewusstsein des Patienten verringert. Entscheidend sind ihre medizinische Indikation, ihre Zielsetzung und ihre konkrete Durchführung.
Die Palliativmedizin bietet zahlreiche Möglichkeiten, schweres Leiden zu lindern, ohne den Tod gezielt herbeizuführen. Sie ist deshalb von der aktiven Sterbehilfe rechtlich klar zu unterscheiden.
Assistierter Suizid: Wann ist Hilfe zur Selbsttötung erlaubt?
Besonders kontrovers diskutiert wird die sogenannte Suizidassistenz oder Beihilfe zur Selbsttötung.
Hierbei unterstützt ein Dritter einen Menschen bei dessen selbstbestimmter Lebensbeendigung. Anders als bei der aktiven Sterbehilfe nimmt der Sterbewillige die unmittelbar zum Tod führende Handlung selbst vor.
Da die freiverantwortliche Selbsttötung nach deutschem Strafrecht keine Straftat darstellt, ist grundsätzlich auch die Teilnahme daran nicht strafbar.
Warum das frühere Verbot der geschäftsmäßigen Suizidhilfe nicht mehr gilt
Der Gesetzgeber hatte im Jahr 2015 mit § 217 StGB die geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung unter Strafe gestellt.
Geschäftsmäßig bedeutete dabei nicht zwingend gewinnorientiert. Erfasst werden sollte vielmehr eine auf Wiederholung angelegte Unterstützung, etwa durch Sterbehilfeorganisationen.
Das Bundesverfassungsgericht erklärte diese Vorschrift jedoch mit seinem Urteil vom 26. Februar 2020 – 2 BvR 2347/15 u. a. für nichtig.
Das Gericht beanstandete insbesondere, dass die Regelung die tatsächlichen Möglichkeiten zur Inanspruchnahme freiwilliger Suizidhilfe so weitgehend einschränkte, dass das verfassungsrechtlich geschützte Selbstbestimmungsrecht praktisch leerlaufen konnte.
Seitdem ist auch die auf Wiederholung angelegte Unterstützung eines freiverantwortlichen Suizids nicht mehr aufgrund dieser Vorschrift strafbar.
Allerdings bedeutet dies nicht, dass jede Form der Suizidassistenz ohne weitere rechtliche Prüfung zulässig wäre. Insbesondere die Freiverantwortlichkeit des Suizidentschlusses ist von zentraler Bedeutung. Daneben können arzneimittelrechtliche und andere rechtliche Beschränkungen bestehen.
Freiverantwortlichkeit: Die entscheidende Grenze der erlaubten Suizidhilfe
Die Straffreiheit der Suizidhilfe setzt voraus, dass der betroffene Mensch seinen Entschluss freiverantwortlich gefasst hat.
Dazu gehört insbesondere, dass die Person die Bedeutung und Tragweite ihrer Entscheidung versteht, die wesentlichen Umstände und Handlungsalternativen kennt und das Für und Wider eigenständig abwägen kann.
Der Entschluss darf nicht durch unzulässigen Druck, Täuschung oder eine die freie Willensbildung ausschließende psychische Störung bestimmt sein. Außerdem muss er von einer gewissen inneren Festigkeit und Dauerhaftigkeit getragen werden.
Eine psychische Erkrankung führt allerdings nicht automatisch dazu, dass ein Mensch keine freiverantwortliche Entscheidung treffen kann. Maßgeblich ist vielmehr die konkrete Beeinträchtigung seiner Entscheidungsfähigkeit im jeweiligen Einzelfall.
BGH bestätigt 2025 Verurteilung eines Arztes wegen Suizidassistenz
Welche erheblichen strafrechtlichen Risiken hier bestehen, verdeutlicht der Beschluss des Bundesgerichtshofs vom 29. Januar 2025 – 4 StR 265/24.
In diesem Verfahren hatte ein Facharzt für Neurologie und Psychiatrie einen Mann bei dessen Selbsttötung unterstützt, obwohl ihm bewusst war, dass dessen Suizidentscheidung durch eine akute psychische Erkrankung maßgeblich beeinflusst wurde und nicht freiverantwortlich war.
Das Landgericht Essen verurteilte den Arzt wegen Totschlags in mittelbarer Täterschaft zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren. Der Bundesgerichtshof bestätigte die Verurteilung.
Entscheidend war, dass dem Betroffenen nach den gerichtlichen Feststellungen die Fähigkeit zu einer freiverantwortlichen Suizidentscheidung fehlte und der Arzt in Kenntnis dieser Umstände die Tatherrschaft über das zum Tod führende Geschehen ausübte.
Eine gegen die Verurteilung gerichtete Verfassungsbeschwerde wurde durch Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 1. Juli 2025 – 2 BvR 860/25 nicht zur Entscheidung angenommen. Das Gericht hielt die Beschwerde für unzulässig, weil eine mögliche Grundrechtsverletzung nicht hinreichend dargelegt worden war.
Die praktische Konsequenz: Nicht jede Unterstützung einer Selbsttötung ist straflose Suizidhilfe. Wer an einer nicht freiverantwortlichen Selbsttötung mitwirkt, kann sich unter weiteren Voraussetzungen wegen eines Tötungsdelikts strafbar machen. Die sorgfältige Beurteilung der Entscheidungsfähigkeit ist deshalb von herausragender Bedeutung.
Haben Sterbewillige einen Anspruch auf tödlich wirkende Medikamente?
Aus dem verfassungsrechtlich geschützten Recht auf selbstbestimmtes Sterben folgt kein uneingeschränkter Anspruch auf die Bereitstellung bestimmter Arzneimittel.
Dies hat das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil vom 7. November 2023 – 3 C 8.22 bestätigt.
Die Richter entschieden, dass die Versagung einer behördlichen Erlaubnis zum Erwerb von Natrium-Pentobarbital zum Zweck der Selbsttötung mit dem Grundgesetz vereinbar sein kann.
Grundlage waren insbesondere der Erlaubnisvorbehalt nach § 3 Abs. 1 Nr. 1 BtMG und der Versagungsgrund nach § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG.
Das Gericht stellte dabei auf die Schutzfunktion des Betäubungsmittelrechts und die nach seinen Feststellungen bestehenden alternativen Möglichkeiten einer medizinisch begleiteten Selbsttötung ab.
Die verfassungsrechtliche Zulässigkeit der Suizidhilfe bedeutet daher nicht, dass die Beschaffung, Verschreibung oder Abgabe jedes hierfür gewünschten Mittels erlaubt wäre.
Ebenso wenig ist ein Arzt verpflichtet, einem Patienten bei dessen Selbsttötung zu helfen. Eine entsprechende Mitwirkung bleibt eine eigenverantwortliche Entscheidung, bei der auch die einschlägigen berufsrechtlichen und arzneimittelrechtlichen Vorgaben zu beachten sind.
Patientenverfügung: Wie lässt sich der eigene Wille für das Lebensende absichern?
Wer vermeiden möchte, gegen seinen Willen durch medizinische Maßnahmen am Leben erhalten zu werden, sollte sich frühzeitig mit einer Patientenverfügung beschäftigen. Die rechtliche Grundlage bildet § 1827 BGB.
Eine einwilligungsfähige volljährige Person kann darin schriftlich festlegen, welche medizinischen Maßnahmen sie für den Fall ihrer späteren Einwilligungsunfähigkeit wünscht oder ablehnt.
Eine solche Verfügung kann insbesondere Vorgaben zur künstlichen Beatmung, künstlichen Ernährung, Wiederbelebung und palliativmedizinischen Behandlung enthalten.
Eine wirksame und auf die konkrete Behandlungssituation zutreffende Patientenverfügung ist verbindlich. Das gilt nach der gesetzlichen Regelung unabhängig von Art und Stadium einer Erkrankung.
Allgemeine Formulierungen genügen häufig nicht
Problematisch sind Patientenverfügungen, die lediglich allgemein bestimmen, dass keine lebensverlängernden Maßnahmen gewünscht werden oder ein menschenwürdiges Sterben ermöglicht werden soll.
Der Bundesgerichtshof hat mit Beschluss vom 8. Februar 2017 – XII ZB 604/15 die Anforderungen an eine bindende Patientenverfügung konkretisiert.
Erforderlich sind hinreichend bestimmte Festlegungen zu den gewünschten oder abgelehnten ärztlichen Maßnahmen sowie zu den Lebens- und Behandlungssituationen, in denen diese gelten sollen. Allerdings dürfen die Anforderungen an die Bestimmtheit auch nicht überspannt werden. Die notwendige Konkretisierung kann sich aus dem Gesamtzusammenhang und der Auslegung der Verfügung ergeben.
Mit diesen Fragen haben wir uns bereits in unseren Beiträgen Anforderungen an Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung sowie BGH präzisiert neuerlich die Anforderungen an bindende Patientenverfügung näher beschäftigt. Zu beachten ist, dass die dort noch genannten früheren Vorschriften des Betreuungsrechts seit der Reform zum 1. Januar 2023 teilweise neu nummeriert wurden.
Eine Patientenverfügung sollte deshalb nicht nur den persönlichen Vorstellungen entsprechen, sondern auch rechtlich präzise auf typische medizinische Entscheidungssituationen zugeschnitten sein.
Wer entscheidet, wenn der Patient seinen Willen nicht mehr äußern kann?
Ist ein Patient nicht mehr einwilligungsfähig, stellt sich die Frage, wer über eine Fortsetzung oder Beendigung der Behandlung entscheiden darf.
Liegt eine verbindliche Patientenverfügung vor, ist deren Inhalt maßgeblich. Fehlt eine solche Verfügung oder erfasst sie die konkrete Behandlungssituation nicht, müssen die individuellen Behandlungswünsche beziehungsweise der mutmaßliche Wille festgestellt werden.
Hierzu sind nach § 1827 Abs. 2 BGB insbesondere frühere Äußerungen, persönliche Wertvorstellungen und sonstige konkrete Anhaltspunkte heranzuziehen.
Nach § 1828 BGB erörtern der behandelnde Arzt und der rechtliche Vertreter die medizinisch indizierten Maßnahmen unter Berücksichtigung des Patientenwillens. Angehörige und andere Vertrauenspersonen sollen in geeigneten Fällen einbezogen werden.
Dabei ist entscheidend, dass Angehörige nicht allein deshalb über sämtliche medizinischen Maßnahmen bestimmen dürfen, weil sie mit dem Patienten verwandt sind.
Für Ehegatten besteht allerdings unter den Voraussetzungen des § 1358 BGB ein zeitlich und sachlich begrenztes gesetzliches Notvertretungsrecht in Angelegenheiten der Gesundheitssorge.
Eine umfassendere und vorausschauende Gestaltung ermöglicht eine Vorsorgevollmacht. Soll ein Bevollmächtigter auch über besonders schwerwiegende medizinische Maßnahmen einschließlich deren Unterlassung oder Abbruch entscheiden dürfen, sind die besonderen Anforderungen des § 1820 Abs. 2 Nr. 1 BGB zu beachten.
Wann muss das Betreuungsgericht eingeschaltet werden?
Nach § 1829 BGB kann bei Entscheidungen über die Unterlassung oder Beendigung medizinisch angezeigter Maßnahmen eine Genehmigung des Betreuungsgerichts erforderlich sein, wenn dadurch die begründete Gefahr des Todes oder eines schweren und länger dauernden Gesundheitsschadens besteht.
Eine solche Genehmigung ist insbesondere dann nicht erforderlich, wenn zwischen dem behandelnden Arzt und dem rechtlichen Vertreter Einvernehmen darüber besteht, dass die Entscheidung dem rechtlich maßgeblichen Patientenwillen entspricht.
Kommt es zu Meinungsverschiedenheiten über den Patientenwillen, kann deshalb eine gerichtliche Klärung notwendig werden.
Gerade bei Konflikten zwischen Angehörigen zeigt sich, wie wichtig eine rechtzeitig und sorgfältig formulierte Patientenverfügung in Verbindung mit einer geeigneten Vorsorgevollmacht ist.
Neue medizinische Leitlinie und gesetzliche Neuregelung: Stand November 2026
Obwohl das Bundesverfassungsgericht bereits im Jahr 2020 grundlegende Vorgaben zur Zulässigkeit der Suizidhilfe gemacht hat, fehlt weiterhin ein eigenständiges bundesgesetzliches Regelwerk, das die Voraussetzungen und das Verfahren einer zulässigen Suizidassistenz umfassend festlegt.
Am 6. Juli 2023 scheiterten zwei konkurrierende Gesetzentwürfe zur Neuregelung der Suizidhilfe im Deutschen Bundestag. Seither wird erneut über ein Schutzkonzept diskutiert, das die Selbstbestimmung Sterbewilliger gewährleisten und gleichzeitig Missbrauch sowie Entscheidungen unter äußerem Druck verhindern soll.
Eine wichtige fachliche Entwicklung stellt die am 22. Oktober 2026 veröffentlichte S2k-Leitlinie „Umgang mit Anfragen nach Suizidassistenz“ (AWMF-Register 096-001) dar.
Sie bietet Angehörigen der Gesundheits- und Sozialberufe erstmals fachübergreifend abgestimmte Empfehlungen für den Umgang mit entsprechenden Anfragen. Im Mittelpunkt stehen insbesondere die Beurteilung der Freiverantwortlichkeit, ergebnisoffene Gespräche und die Berücksichtigung bestehender Handlungsalternativen.
Die Leitlinie stellt allerdings kein Gesetz dar. Ihre Empfehlungen sind deshalb nicht mit allgemeinverbindlichen gesetzlichen Verfahrensvoraussetzungen gleichzusetzen.
Auch die Bundesregierung arbeitet an einer gesetzlichen Stärkung der Suizidprävention. Ein entsprechender Referentenentwurf des Bundesgesundheitsministeriums liegt vor. Ein solches Präventionsgesetz ist jedoch von der eigentlichen straf- und verfahrensrechtlichen Regelung der Suizidassistenz zu unterscheiden.
Was bedeutet die Rechtslage für Patienten, Angehörige und Ärzte?
Für die Praxis ergeben sich aus der bestehenden Rechtslage mehrere wichtige Konsequenzen:
- Patienten dürfen medizinische Behandlungen grundsätzlich ablehnen und eine bereits erteilte Einwilligung widerrufen, auch wenn dadurch erhebliche gesundheitliche Risiken entstehen.
- Angehörige dürfen einen rechtmäßig gefassten Patientenwillen nicht durch eigene Vorstellungen ersetzen. Bei Zweifeln über die Vertretungsbefugnis oder die maßgebliche Entscheidung sollte eine rechtliche Klärung erfolgen.
- Ärzte und Pflegekräfte müssen zwischen zulässiger Sterbebegleitung, rechtmäßigem Behandlungsabbruch und verbotener gezielter Tötung unterscheiden.
- Personen, die Suizidhilfe leisten, tragen erhebliche rechtliche Risiken, wenn der Sterbewunsch nicht freiverantwortlich gebildet wurde oder andere gesetzliche Vorschriften verletzt werden.
- Wer rechtzeitig vorsorgen möchte, sollte eine ausreichend konkrete Patientenverfügung erstellen und die Vertretungsbefugnisse einer Vertrauensperson durch eine geeignete Vorsorgevollmacht absichern.
Besondere Vorsicht ist geboten, wenn der Sterbewunsch im Zusammenhang mit einer akuten psychischen Krise, einer vorübergehenden Ausnahmesituation oder erheblichem Druck durch Dritte steht. In solchen Situationen darf nicht ohne Weiteres von einer freiverantwortlichen Entscheidung ausgegangen werden. Auch gesetzliche Hilfeleistungs- und Rettungspflichten sind im jeweiligen Einzelfall zu berücksichtigen.
Fazit
Sterbehilfe ist in Deutschland weder generell erlaubt noch generell verboten. Entscheidend ist die konkrete Form der Unterstützung und die rechtliche Einordnung des jeweiligen Geschehens.
Die gezielte Tötung eines Menschen auf dessen Verlangen bleibt strafbar. Dagegen sind ein dem Patientenwillen entsprechender Behandlungsabbruch und medizinisch indizierte Maßnahmen zur Leidenslinderung grundsätzlich zulässig. Auch die Unterstützung eines freiverantwortlichen Suizids kann straffrei sein, wobei insbesondere die Freiverantwortlichkeit und weitere gesetzliche Grenzen zu beachten sind.
Das Bundesverfassungsgericht hat mit seiner Entscheidung aus dem Jahr 2020 die persönliche Selbstbestimmung am Lebensende erheblich gestärkt. Die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zeigt zugleich, dass diese Freiheit dort an Grenzen stößt, wo eine eigenverantwortliche Entscheidung tatsächlich nicht mehr gewährleistet ist.
Wer sicherstellen möchte, dass der eigene Wille bei schwerer Krankheit oder am Lebensende respektiert wird, sollte deshalb frühzeitig rechtlich und medizinisch vorsorgen. Eine individuell gestaltete Patientenverfügung und eine rechtssichere Vorsorgevollmacht können helfen, belastende Konflikte zu vermeiden und die persönliche Selbstbestimmung auch dann zu gewährleisten, wenn eigene Entscheidungen nicht mehr geäußert werden können.


